DFG-Forschungsgruppe untersucht Verschwörungstheorien aus neuer Perspektive
Rund vier Millionen Euro für Verbundprojekt in Psychologie und Kommunikationswissenschaft
Porträtaufnahme von Prof. Dr. Tobias Rothmund auf dem Ernst-Abbe-Platz
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
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Eine neue Forschungsgruppe nimmt Verschwörungstheorien aus einer bislang wenig beachteten Perspektive in den Blick: Sie untersucht nicht nur ihre negativen Folgen, sondern auch, welche Funktionen sie für Einzelne, Gruppen und Gesellschaften erfüllen können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena und sechs anderen Forschungseinrichtungen in den kommenden vier Jahren mit rund vier Millionen Euro. Anschließend ist eine Verlängerung der Förderung um weitere vier Jahre ist möglich.
»Verschwörungstheorien werden bislang vor allem mit Blick auf ihre negativen Folgen untersucht«, sagt Prof. Dr. Roland Imhoff, der an der JGU die Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie leitet und die neue Forschungsgruppe koordiniert. »Wir wollen diese Perspektive erweitern und systematisch fragen, welche psychologischen, sozialen oder gesellschaftlichen Funktionen sie unter bestimmten Bedingungen erfüllen können.«
Politik, soziale Medien und psychologische Motive
In der neuen Forschungsgruppe »Jenseits des Wahnsinns: Die Analyse von Verschwörungsüberzeugungen unter Berücksichtigung von deren Vorteilen« arbeiten Forschende aus Psychologie und Kommunikationswissenschaft zusammen. Durch die Verbindung beider Disziplinen soll ein umfassenderes Verständnis davon entstehen, wie Verschwörungstheorien wirken und welche Funktionen sie in verschiedenen Zusammenhängen erfüllen können. Beteiligt sind neben der JGU und der Universität Jena die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, die Universität Mannheim, die University of Southern Denmark in Odense, die Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau sowie das Leibniz-Institut für Psychologie in Trier.
Inhaltlich konzentriert sich die neue Forschungsgruppe auf drei Bereiche. Zum einen geht es um Verschwörungstheorien in der Politik. Dabei wird etwa untersucht, welche Rolle sie für politische Einstellungen, politisches Engagement und Identitätsbildung spielen und wie sie mit Radikalisierung oder Misstrauen gegenüber Institutionen zusammenhängen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf sozialen Medien, wo Verschwörungstheorien besonders schnell verbreitet und diskutiert werden. Drittens geht es um die Frage, welche psychologischen Motive solche Überzeugungen begünstigen, etwa das Streben nach Kontrolle, Zugehörigkeit oder einfachen Erklärungen für komplexe Ereignisse.
Dabei geht die Forschungsgruppe davon aus, dass mögliche Funktionen von Verschwörungstheorien und ihre negativen Folgen kein Widerspruch sein müssen. »Was für Einzelne kurzfristig Orientierung, Zugehörigkeit oder das Gefühl von Kontrolle vermittelt, kann langfristig Misstrauen, gesellschaftliche Spaltung oder Radikalisierung fördern«, sagt Imhoff. Die Forschenden wollen genauer untersuchen, unter welchen Bedingungen solche unterschiedlichen Wirkungen entstehen und wie sie zusammenhängen.
Führt Verschwörungsglauben zu weniger Verschwörungen?
Das Teilprojekt an der Universität Jena untersucht mögliche Funktionen von Verschwörungstheorien auf psychologischer und gesellschaftlicher Ebene. »Uns geht es im Kern um die Frage, ob Verschwörungsglauben eine abschreckende Funktion gegenüber echten Verschwörungen hat«, sagt Prof. Dr. Tobias Rothmund, der sich seit vielen Jahren als Kommunikations- und Medienpsychologe mit dem Erleben von Ungerechtigkeit und der Wiederherstellung von Gerechtigkeit beschäftigt.
»Möglicherweise motivieren Verschwörungsüberzeugungen Menschen dazu, sich gegen erlebte Ungerechtigkeit aufzulehnen. Die öffentliche Sichtbarkeit von Verschwörungserzählungen könnte außerdem dazu führen, dass Verschwörungen tatsächlich weniger häufig stattfinden.« Unter anderem im Kontext von experimentellen Spielen sollen solche Situationen und Wirkungen im Projekt simuliert und untersucht werden.
Pressemitteilung der DFG: »DFG fördert neun neue ForschungsgruppenExterner Link«
Kontakt:
Tobias Rothmund, Univ.-Prof. Dr.
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